Nackte Tatsachen
die Geschichte des Rupfers Jocki

1. Abholung:
Als ich mich am 10. März 2000 mal wieder durch die mehrere Seiten lange Kleinanzeigenliste über Papageien im Internet
gewühlt habe stach mir eine besonders ins Auge die in etwa diesen Wortlaut hatte: "Verkaufe Gelbstirnamazone, zahm,
spricht, Rupfer, 200,- DM". Das machte mich neugierig und ich rief bei der angegebenen Nummer an. Es meldete sich eine
Frau die meine Fragen bereitwillig beantwortete: Der Papagei ist seit 8 Monaten in ihren Besitz in dieser Zeit war sie
arbeitslos jetzt hat sie seit 8 Wochen wieder arbeit und seitdem rupft sich der Vogel. Ich kann jederzeit vorbeikommen, sie ist
immer zuhause. Gleich am selben Abend machte ich mich mit meinem Sohn auf den Weg und fuhr hin.
Im Ort angekommen rief ich sie nochmal an um mir den Weg zu ihr beschreiben zu lassen. Sie antwortete: Da finden sie
sowieso nicht hin ich komm mit dem Auto vorbei und bring den Vogel gleich mit. Da ich darauf bestand den Vogel bei ihr
zuhause abzuholen kam sie ohne den Vogel mitzubringen und lotste mich zu einem total verfallenen Bauernhaus in der Wildnis.
Was ich dort zu sehen bekam war unbeschreiblich: In einem Weidenkörbchen saß eine bis auf  Schwungfedern und Kopf
nackte Blaustirnamazone die beständig mit dem Kopf nickte. In einer Ecke des "Wohnzimmers" stand ein Wellensittichkäfig
der ca. 1 cm hoch mit schimmligen Vogelkot verschmutzt war. Überall im Zimmer standen angebrochene Katzenfutterdosen
und anderer Unrat teilweise bis an die Decke gestapelt. Die Frau sagte auf mein Fragen nach der Unterbringung des Papageis
das er den ganzen Tag im Zimmer frei fliegen würde. Das war aber aufgrund des Zustands des Vogels unmöglich. Ich nehme
an das der Wellensittichkäfig sein ständiges oder zumindest hauptsächliches Domizil war. Die Frage nach dem Futter wurde
zu meinem Entsetzen mit "der frisst alles was bei uns auf den Tisch kommt" beantwortet. Ich bezahlte ohne weitere Fragen mit
zusammengebissenen Zähnen die 200,- DM und fuhr nachhause.

2. Erster Tierarztbesuch
Hier kam sie erst mal in einen "kleinen" Quarantänekäfig in unser Badezimmer und wurde mit Rotlicht bestrahlt. Ich machte
auch gleich einen Termin beim Papageientierarzt für den nächsten Tag. Der Veterinär untersuchte sie erst mal gründlich: Der
Vogel wurde geröntgt, eine Blut- und Kotprobe wurde entnommen. Das Ergebnis des Röntgenbilds waren nicht sehr
ermutigend: Der gesamte Darm ist sehr stark aufgetrieben und nimmt etwa den dreifachen Raum ein und die obere
Nierenregion zeigt eine Verhärtung. Ansonsten ist er in gutem Zustand. Es wurde empfohlen den Papagei bis zum eintreffen
der Laborbefunde von Blut- und Kotprobe separat zu halten. Er gab mir noch ein Pulver zur Verdauungsunterstützung mit
und merkte eine Termin für den folgenden Samstag vor.

3. Eingewöhnung
Am nächsten Tag traute ich meinen Augen nicht: Jocki, wie wir ihn genannt haben, hatte am ganzen Körper sehr feine und
dünne Fadenfedern bekommen. Sie wuchsen anscheinend über Nacht und wurden in den folgenden Tagen länger und etwas
dichter. Auch ein paar Dunenfedern kamen am Hals und den Füßen in den folgenden Tagen durch. Allerdings ist ihr
Wachstum sehr viel langsamer. Ein erneutes Rupfen konnten wir nicht beobachten.
Als ich ihm am ersten Tag einen Apfel in den Käfig hängte verkroch er sich erst mal vor Angst in die entgegengesetzte Ecke.
Nach ein paar Minuten attackierte er ihn heftig und bemerkte anscheinend das er gar nicht so schlecht schmeckt. 15 Minuten
später war er bis auf den letzten Bissen verputzt.
Er fraß etwa doppelt soviel als eine meine anderen Amazonen und hatte praktisch immer hunger. Durch das Fehlen der Federn konnte man den Kropf schön beobachten und ihm passende Portionen anbieten. Das Pulver vom Tierarzt wurde ohne Probleme gefressen - auch alles Obst verschwand nach einer kurzen Eingewöhnungsphase im Schnabel.
Auf Annäherungen reagierte er sehr schüchtern und zurückhaltend. Er verkroch sich in die hinterste Ecke seines kleinen Käfigs und wippte mit dem Kopf. Wir ließen ihn erst einmal in Ruhe und rückten ihm nicht zu sehr auf die Pelle.

4. Erste Laborbefunde
Nach 5 Tagen bekam ich vom Tierarzt die ersten Laborbefunde telefonisch mitgeteilt: Die Nierenwerte waren normal, die Verhärtung die am Röntgenbild zu sehen war hatte anscheinend nichts zu bedeuten. Die Leberwerte waren bis auf einem, der erhöht war (196 anstelle von max. 150), normal. Durch tiergerechte Fütterung müsste dieser aber in den Griff zu bekommen sein. Der Psittakose-Titer war zwar unter dem Grenzwert aber nicht eindeutig. Deshalb schlug mir der Veterinär eine vorsorgliche  Psitakosebehandlung über 4 Wochen mit Doxycyclin, einem Antibiotikapräparat das gespritzt wird, vor. Bei mir meldeten sich Zweifel. Ist es wirklich richtig nur zur Vorsorge so eine Antibiotikabombe einzusetzen? Andererseits, was ist wenn sich meine anderen Vögel anstecken?. Einen Tag später rief ich wieder beim Tierarzt an und erfuhr das sich der "Psitakoseverdacht" der Blutprobe durch die Kotprobe nicht bestätigt hat. Ich atmete erst mal auf. Allerdings wurde ein massiver Befall von Pseudomonaden im Darm festgestellt. Der Resistenztest ergab das diese am besten auch mit Doxycyclin behandelt werden sollten. Ich schob die Entscheidung über die Art der Behandlung bis zum Arzttermin auf und wollte mich erst mal von ihm umfassend beraten lassen.

5. Zweiter Tierarztbesuch
Nach einer Woche Aufenthalt in dem kleinen Käfig lockte ich Jocki in einen Transportkäfig und fuhr mit ihm zum zweitem mal zum Tierarzt. Dieser beriet mich umfassend und machte mir die Dringlichkeit der Behandlung klar. Der Vogel soll bei ihm heute die erste Spritze bekommen, die anderen kann ja ein Kollege in meinem Ort geben. Er fing Jocki mit einem Handtuch ein und gab ihn die erste Spritze Doxycyclin in die Brust. Danach entfernte er noch den Fußring und bestätigte mir das auf einem Zettel.

6. Die Behandlung wirkt ?
Jocki saß die nächsten drei Tage mit wippenden Kopf in seinem Käfig und wollte von keinem mehr was wissen. Er schlief
den ganzen Tag, wenn er mal wach war hackte er auf alles und jedes ein. Sein Appetit war beträchtlich - er verschlang alles
was ihn vorgesetzt wurde. Am vierten Tag normalisierte sich die Lage und wir liessen ihn das erste mal aus den Käfig. Er
blühte richtig auf, pfiff eine Melodie nach der anderen, kletterte überall herum und musste alles begutachten. Anfassen konnte
man ihn aber trotzdem noch nicht. Am ende der Woche stieg er dann aus freien Stücken auf meine Schulter ! Ich trug ihn in
der Wohnung herum und er genoss das sichtlich. Aber der nächste Tierarztbesuch stand schon bevor.

7. Dritter Tierarztbesuch
Ich lockte Jocki diesmal mit sehr viel mehr Aufwand in den Käfig und ging mit ihm zu einem ortsansässigen Tierarzt. Das
herausnehmen des Vogels aus der Transportbox ging zwar nicht ganz so professionell wie bei seinem Kollegen aber die
Spritze wurde sehr gut gesetzt. Das letzte mal hatte Jocki einen großen blauen Fleck an der Einstichstelle, diesmal war fast
nichts zu sehen.

8. Dritte Woche
Die nächsten Tage waren wieder wie nach der ersten Behandlung, er schlief nur und war noch aggressiver und ging auf alles
sofort los. An ein "auf die Schulter gehen" war gar nicht zu denken und ich wurde beim Futterwechsel regelmäßig blutig
gebissen. Ich unterbrach die stressige Therapie und ließ erst mal eine neue Kotprobe untersuchen. Der Befund sah
folgendermassen aus: Von den Pseudomonaden wurde keine Spur mehr festgestellt dafür waren Pasteurellen vorhanden die
aber oral mit xxx zu behandeln sind. Ich holte das Medikament am nächsten Tag ab und gab Jocki jeden Tag 4 ml. Zusätzlich
gab ich zur Stärkung der Darmfauna ein Laktobazillus-Präparat. Nach 3 Tagen stellte ich seinen Käfig mit ins Wohnzimmer
zu den anderen Papageien.

9. Kraftprobe

Jocki wurde von Tag zu Tag aggresiver. Anfang der vierten Woche eskalierte die Situation: er flog er aus drei Meter Entfernung auf meine Brust, krallte sich fest und hackte mit aller Kraft auf mich ein. Den anderen Papageien hatte er sich zum Großteil untergeordnet, uns aber sah er anscheinend als niedrige Schwarmmitglieder an. Es gab für mich nur eine Möglichkeit in der Hackordnung zu steigen, ich musste ihn zeigen wer der "Boss" ist. Ich wickelte um meinen linken Unterarm ein Handtuch, streifte den Ärmel meines Pullovers darüber, rollte drei Blatt Papier zu einer Rolle zusammen und ging zu ihm. Er saß auf seinem Käfig und griff den hingehaltenen Unterarm sofort an. Im Moment des Zubeißens schlug ich mit der Papierrolle kräftig auf den Käfig. Verdutzt hielt er inne und sah sich um. Er versuchte nochmal meinen Unterarm zu beissen, aber ich ließ ihn nicht gewähren sondern schlug ein zweites Mal auf den Käfig der nur so krachte. Jetzt sah er mich an, murmelte etwas, stieg auf meinen Arm und kletterte auf meine Schulter. Ich habe ihn danach noch ein paar mal, auch ohne Handtuch und Papier, auf meinen Arm steigen lassen und er hat kein einziges mal zugebissen. (Bitte versuchen sie das nicht bei ihren Papagei - er könnte dadurch verschreckt werden und erst recht bissig werden !!!) Am nächsten Tag erwartete mich meine Freundin völlig aufgelöst: Jocki hatte sie kreuz und quer durchs Wohnzimmer gejagt und wollte sie angreifen. Sie konnte nur noch aus dem Zimmer flüchten. Als ich zu ihm ins Zimmer kam war ihm das "schlechte Gewissen" ins Gesicht geschrieben. Er kletterte sofort auf meinen hingehaltenen Arm und von dort in den Käfig.

Fortsetzung folgt

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